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von Martina Schmidt

Nach vielen Umarmungen und guten Wünschen, den Rucksack
voll bepackt mit Glücksbringern und Medikamenten, ging es am 15. Oktober
2006 los. Mein Freund Juli und ich wollten unsern Lebenstraum, eine Reise
nach Indien, verwirklichen. Die Reise, welche nun folgen sollte, hat mein
Leben ein grosses Stück weit verändert und intensiviert. Es
wurde eine Reise in ein wunderbares und geheimnisvolles Land und auch
zu mir
selbst.
Der erste Eindruck von Indien war ein Schock. Als wir aus dem Flughafen
traten, schlug uns eine unglaubliche Schwüle entgegen. Es war stickig
heiß, die Luft war braun vom Staub, und hundert Taxifahrer redeten
wild durcheinander auf uns ein. Quer durch Bombay, vorbei an Slums, heiligen
Kühen, Ziegen und Hühnern, Motor- und Fahrradrikschas, Frauen
mit wunderschönem langen schwarzen Haar und farbigen Saris und Männern
in leichten Kurtas, gelangten wir zum Schweizer Konsulat. Hier durfte ich
für drei Monate meine Medikamente zwischen- lagern, da wir in unseren
beiden Rucksäcken nicht genügend Platz für alle hatten.
Als erstes entschlossen wir uns, zur Akklimatisierung nach Goa an die
Strände
zu fahren. Die Hindus machten uns jedoch mit Diwali (dem Lichterfest) einen
Strich durch die Rechnung. Alle Züge der nächsten drei Tage waren
ausgebucht. Es war sehr abenteuerlich, überall wurden Raketen und
sonstige undefinierbare Feuerkörper in die Luft geschossen. Anschließend
an diese Feierlichkeiten gelangten wir in einer Nacht im Sleeperbus nach
Goa. Sleeperbus heißt soviel wie ein Riesengeruckel und Gehopse,
zu wenig Platz und genau bei mir ein kaputtes Fenster. Ich hatte also die
ganze Nacht Durchzug, Husten und keinen Schlaf. Dann wurde es jedoch gemütlich.
Einen Monat lang lagen wir in Goa und Karnataka am Strand. Wir ließen
uns von den Sonnenstrahlen wärmen, den Wellen abkühlen und
tauchten ein in das wunderbarste vegetarische Essen und die traumhaftesten
Landschaften.

Die Inder sind ein unglaubliches Volk, und wir merkten schon bald, dass
man viele von ihren am Anfang noch so abstrus aussehenden Verhaltensweisen
annimmt. Nach einer Phase der Überwindung meiner jahrelangen guten
Erziehung fing ich auch an, mit den Händen zu essen. Man fühlte
sich wieder wie ein Kind, konnte tun und lassen was man wollte, ohne Regeln
und Vorschriften. Leider gilt dies in Indien nicht nur für den Bereich
des Essens, sondern scheinbar für alles. Es existieren keine Verkehrsschilder,
oft keine Ampeln und Fahrausweise und es gibt definitiv keine Privatsphäre.
Im Bus und Zug setzt man sich hin, auch wenn alles schon doppelt besetzt
ist. Ist man irgendwo am Lesen, setzt sich der interessierte Inder einfach
daneben und liest mit. Der Ursprung dieses Fehlens an Distanz könnte
an ihrer traditionellen Wohnsituation liegen, in welcher alle Generationen
einer Familie zusammen unter einem Dach, oft sogar im gleichen Raum leben.
Eine sehr amüsante Sache ist das «indische Anstehen» in
einer Kolonne, wo einfach jeder kommt und sich direkt vor den Schalter
quetscht. Irgendwann haben wir auch damit angefangen, sonst wären
wir wahrscheinlich jetzt noch in Bombay. Ebenfalls wichtig zu kennen ist
die Unterscheidung der linken von der rechten Hand. Die linke Hand ist
für die Reinigung nach dem Aufsuchen der Toilette gedacht und zum
Geld anfassen (eine Bemerkung am Rande; die Inder brauchen kein Toilettenpapier).
Die rechte Hand jedoch ist die saubere Hand, mit welcher man isst. Es
ist sehr wichtig, dass man die beiden nicht verwechselt...
Woran ich mich auch gewöhnen musste, war das «bargaining»,
das Verhandeln. Doch wir lernten bald, dass einfach alles zuerst zehn-
mal teurer angepriesen wurde. Ansonsten war das Leben auf Indiens Straßen
nicht so einfach. Es ist auch nicht so leicht, hier Regeln aufzustellen,
wenn ein halber Bauernhof und Zoo (Kühe, Hühner, Ziegen, Schweine,
Affen und Elefanten), verschiedene Fahrzeuge (vom Rollstuhl bis zum Lastwagen),
alle Menschen und die Verkaufsstände ihren Platz haben sollen. Es
gibt so unglaublich viele Inder, dass ich anfangs oft das Gefühl hatte,
es fände gerade ein Strassenfest statt.
Nach und nach passten wir uns an die meisten dieser indischen Regeln
und Verhaltensweisen an und fühlten uns schon als richtige kleine Inder.
Wenn da nicht unsere helle Hautfarbe gewesen wäre, welche alle Einheimischen
dazu veranlasste, etwas von uns zu wollen. Entweder schreiende Kinder,
welche «one rupie, one rupie», «one pen, one pen» riefen
oder einfach nur das wollten was wir gerade zum Essen hatten. Oder die
Erwachsenen, welche uns immer die gleichen Fragen stellten: «Where
you come from? What‘s your name? You‘re married?» Nach
einiger Zeit waren wir dann auch verheiratet, das stellte sich für
mich als europäische Frau als einfacher heraus. Ich wollte schließlich
keinen Inder küssen und heiraten schon gar nicht. Über das Thema
Hochzeit war ich anfangs auch ein wenig geschockt. Außer in den modernen
Großstädten Indiens herrscht noch die Tradition der arrangierten
Ehe. Im Gegensatz zu früher dürfen sich heute die jungen Inder
einige Frauen anhand von Fotos auswählen, mit welchen sie sich einmal
treffen dürfen. Anschließend an diese Treffen entscheiden sie
sich dann für eine der Frauen. Auf dem Lande bestimmen immer noch
die Eltern über die zukünftige Frau. Anschließend an die
Hochzeit zieht die Frau zur Familie des Mannes und pflegt dann so im Alter
auch die Eltern ihres Ehemannes. Noch immer sollten in Indien lieber Jungen
statt Mädchen geboren werden. Ein Grund dafür könnte sein,
dass man die Mädchen an die Familien der Ehemänner «verliert» und
so im Alter alleine dastehen würde. Die Jungen stellen sozusagen
die Altersvorsorge und die Versicherung aller Familienmitglieder dar.

Nach dem Monat am Meer besuchten wir die Ruinenstadt Hampi. Riesige Steinformationen
und jahrhundertealte zum Teil verfallene Tempel und Gebäude, viele
Touristen und an jeder Ecke jemand, der uns alle möglichen Drogen
verkaufen wollte, erwarteten uns. An diesem Ort der Schönheit und
Ruhe wurde ich dann noch krank und lag drei Tage mit 40 Grad Fieber im
Bett. Wahrscheinlich waren wir zu unvorsichtig gewesen, als wir uns von
den Ständen auf der Straße verpflegten. Als es mir besser ging,
besuchten wir Furri, einen Kollegen von mir, der damals in Bangalore studierte,
auf dem Campus und genossen einige Tage das indische Studentenleben. Danach
führte uns unser Weg in die Berge nach Munnar. So weit man sehen konnte,
war alles voll von Teesträuchern, und es duftete einfach herrlich.
Nachdem wir genügend kühle Höhenluft geschnuppert hatten,
bereisten wir Kerala, das Land der Kokospalmen. Wir unternahmen faszinierende
Fahrten auf den Backwaters (Landstriche, welche von Flüssen umgeben
sind; die Menschen fahren anstelle von Fahrrädern mit Booten umher),
entdeckten viele interessante Städte, in welchen man noch stark die
frühere Kolonialisierung spürte, und besuchten kulturelle Vorführungen
(z.B. eine Katakalivorstellung, ein typisches keralisches Tanz- und Mimikspektakel,
faszinierend, laut und unverständlich...).
Anschließend an diesen Einblick in die kulturelle Vielfalt Indiens
entschieden wir uns, einen ersten Yogakurs zu machen. In Thiruvan-anthapuram
fanden wir im Siva-nanda Yoga Vedanta Dhanwantari Ashram (klosterähnliches
Meditationszentrum) einen geeigneten Ort dazu. Der Alltag war nach den
vier Wegen des Yoga gestaltet: Karma Yoga (Weg des selfless service; man
erbringt Dienste und verrichtet anfallende Arbeiten für die Gemeinschaft,
ohne etwas dafür zurückzufordern), Bhakti Yoga (Weg der Hingabe
und der Liebe Gottes; mit Gebeten, Ritualen und Gesängen ehrte man
Gott), Jnana Yoga (Weg des Wissens und der Weisheit; jeden Mittag hatten
wir eine Stunde Zeit für Selbststudium) und Raja Yoga (Weg zur Reinigung
von Körper und Geist, darunter verstanden werden z.B. Yogaübungen,
Meditationen, Atemübungen und Spaziergänge in Schweigen). Es
war eine sehr intensive Zeit, und ich fing an, mich zum ersten Mal in meinem
Leben richtig mit mir selber auseinanderzusetzen. Dies sollte noch die
ganze weitere Reise bestimmen und nicht nur schöne Erlebnisse und
Erkenntnisse mit sich bringen. Aber es war höchste Zeit dafür,
und ich merkte, wie mir dieses Umfeld gut tat und wie gut es mir auch mit
CF ging. Ich inhalierte nach wie vor zweimal am Tag, und durch das viele
Yoga machte ich zusätzlich Therapie. Was ebenfalls ein Grund für
den guten Verlauf der CF sein könnte, war die Zubereitung der indischen
Speisen mit dem Gewürz Kurkumin, welches entzündungshemmend wirkt
und bei der Verdauung mithilft. Zu jeder Mahlzeit nahm ich noch zusätzlich
einen Löffel Kurkumin mit Honig ein. Ich fühlte mich während
der Zeit im Ashram unglaublich gut. Hier feierten wir auch Weihnachten
inklusive indischem Weihnachtsmann. Vor Silvester ging unsere Reise dann
weiter, und wir feierten Neujahr im Mata Amritanandamayi Math, dem Ashram
von Amma in der Nähe von Kollam. Zu dieser Zeit waren Tausende von
Menschen im Ashram, und Amma war über 12 Stunden am Tag dabei, Darshan
zu geben, d.h. sie umarmte jeden Einzelnen. Es war eine sehr eindrückliche
Erfahrung, diese aussergewöhnliche Frau zu treffen.

Anschließend reisten wir mit dem Zug quer durch Südindien. Da
wir vergaßen zu reservieren, durften wir im Zugsabteil reisen, wo
man ohne Tickets hin darf, d.h. man konnte kaum atmen, und an- und aufstehen
und Sich Bewegen war auch nicht zu denken. An der Ostküste Indiens
besuchten wir Orte, wo der Tsunami vor ein paar Jahren alles überschwemmt
hatte, auch den berühmtesten Ort für Steinmetzarbeiten Indiens
Mamallapuram, sowie Tiruvannamalai, ein berühmter indischer Pilgerort.
Die Kraft,die dieser Ort und der dahinterliegende Berg ausstrahlten, war
unglaublich. Wir blieben eine Weile, gingen wandern und an Satsangs. Dies
sind Treffen, wo die Anwesenden mit einem Lehrer (Guru) ins Gespräch
kommen können und sich so mit ihm über sich und über wichtige
Entscheidungen im Leben unterhalten können. Nach dieser Erkundung
der Ostküste fuhren wir nach Bombay, wo ich meine Medikamente für
die nächsten drei Monate abholen wollte.
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Wir ließen nun nach drei Monaten den Süden Indiens
hinter uns. Damit verliessen wir auch für eine Weile die 30Grad Zone.
Was bedeutete, dass wir uns beide eine Erkältung holten und uns warme
Kleider kaufen mussten. Zwei Wochen bereisten wir Rajasthan, die ursprünglichste
Gegend Indiens. Hier leben noch viele Wüstennomaden und anstelle von
Elefanten zogen nun Kamele und Affen die Aufmerksamkeit auf sich. An jeder
Ecke hörte man Männer Sitar und Tabla spielen und die Frauen
dazu Geschichten ihrer Vorfahren in der Wüste singen. Wir staunten über
die romantischen orientalischen Städte und immer wieder über
die Menschen. Die Straßen waren voll gestopft mit Hippieläden,
und an jeder Ecke hätte es etwas zu rauchen gehabt. Nach diesen gemütlichen
Tagen ging es nach Neu Delhi, eine Stadt der Gegensätze. Auf den Straßen
sah man nur Rikschas oder Mercedes. Entweder sind die Menschen hier arm,
leben am Rande der Stadt in Slums und halten sich mit einem eigenen Business
einigermaßen über Wasser, oder sie sind reich, können sich
Kino und McDonalds leisten und haben die Möglichkeit, an Honeymoon
(Hochzeitsreise) in die Schweiz zu fahren. Die Schweiz ist in Indien der
Inbegriff für das Paradies. Viele Bollywoodfilme spielen in den Schweizer
Bergen und Städten und laden die Inder zum Träumen ein. Als wir
von Delhi weiterreisten, benahmen wir uns für einmal wie richtige
Touristen und bestaunten den Taj Mahal. Neben diesem eindrücklichen
Bauwerk wurde mir bewusst, wie klein man als Mensch doch ist und zu was
wir dennoch fähig sind.
Anschließend erreichten wir die heiligste aller indischen Städte,
Varanasi. Hier treffen sich die Flüsse Ganges und Yamuna. Ein Bad im Ganges
soll vor allen Krankheiten und vor Unglück schützen. Obwohl er über
5 Mio. Bakterien beinhaltet, zieht es jeden Tag Hunderte von indischen Pilgern
in und an den Fluss. Hier durften wir auch ein Fest der Sadhus (heilige Männer)
miterleben, bei welchem sie zu Tausenden nackt durch die Stadt liefen und unter
anderem Yoga-Übungen vorführten. Sadhus sind Männer, welche sich
entschieden haben, ihre Familie zu verlassen und ohne Dach über dem Kopf
und ohne Geld zu leben. Sie haben sich ganz Gott zugewandt, haben meterlange
Rastas und rauchen den ganzen Tag. Der letzte Wunsch eines Hindu ist es, sich
am Ganges kremieren zu lassen. Die Überreste der Toten werden dann dem heiligen
Fluss übergeben, wodurch den Hindus die Wiedergeburt erspart bleiben soll.
Neben dem Pilgerort ist Varanasi auch die Hochburg der indischen Musik. Viele
Reisende kommen hierher, um ein indisches Musikinstrument zu erlernen und bleiben
dann längere Zeit in dieser verträumten Stadt. Es gibt unzählig
viele Gaths (Stufen hinunter zum Ganges) wo man verweilen kann, um bei einem
Glas Chai das indische Leben in all seinen Facetten zu bestaunen.

Nach dieser langen Zeit des Herumreisens entschieden wir uns, einen Yoga
Teacher Training Course zu besuchen. Einen Monat verbrachten wir in
der Bihar School
of Yoga in Rhikia, ganz im Osten Indiens. Wir lernten Meditationen anzuleiten,
Yoga-Stunden abzuhalten und verbrachten viel Zeit bei gemeinnütziger Arbeit.
Einige von uns Studenten konnten auch in der zum Ashram gehörenden Schule
unterrichten. Es war schön, sich einmal für längere Zeit an einem
Ort zu Hause zu fühlen. Da Männer und Frauen strikt getrennt waren,
hatte ich niemanden mehr zum Deutsch reden und lernte endlich richtig Englisch.
Es war eine wunderschöne und intensive Erfahrung, welche wir in diesem Ashram
erleben durften. Von ca. 50 Teilnehmenden waren wir nur zehn nicht aus Indien,
und es war spannend, sich einmal mit den der Oberschicht angehörenden Indern
auszutauschen. Denn man musste schon fast Arzt sein, um am Kurs überhaupt
teilnehmen zu können. Zu dieser Zeit war noch Holy, ein weiteres Fest im
Hindujahr. Als einziges ist mir geblieben, dass man einander den ganzen Tag gejagt
und alle möglichen Farben angeschmissen hat und man anschließend
die Kleider wegwerfen konnte.
Wir setzten unsere Reise nun als frischgebackene «Yogalehrer» fort.
Zusammen mit Freunden, welche wir im Ashram kennen gelernt hatten, reisten wir
nach Bodhgaya. Jedes buddhistische Land hat hier einen Tempel aufgebaut. Da wir
ein Guest House fanden, in welchem wir selber kochen konnten, verbrachten wir
die meiste Zeit auf den unzähligen, farbenfrohen Märkten der Stadt
oder beim Meditieren in einem der prachtvollen Tempel. Anschließend ging
es noch einmal nach Varanasi. Dann wurde Juli krank und wir verbrachten die
Zeit, bis unser Visum abgelaufen war, in einem Hotel und versuchten, ihn wieder
auf
die Beine zu kriegen.
Nun mussten wir nach Kathmandu, der Hauptstadt von Nepal reisen, um unser Visum
zu verlängern. Schon am ersten Tag verliebten wir uns auch in dieses Land
und entschieden uns, die verbleibende Zeit unserer Reise hier zu verbringen.
Da Nepal bekannt ist für seine Trekkingtouren, kauften wir uns ein Zelt
und Schlafsäcke und machten uns nach ein paar Tagen Kathmandu-Besichtigung
auf eine Wanderung. Der Plan war, dass Juli einige Zeit auf dem Berg Shivapuri
bleiben wollte und ich in einem buddhistischen Frauenkloster. Nach einem strengen
Aufstieg, der anstatt drei Stunden zwei Tage dauerte, erreichten wir den Gipfel.
Und waren erstaunlicherweise nicht allein. Hier lebten zu der Zeit ein Swami
(Lehrer), ein Baba, ein Sadhu und «Mother», eine Frau welche von
ihrem Guru auf den Berg geschickt wurde, um hier drei Wochen zu schweigen.
Sie zeigten uns sofort eine Höhle, in welcher wir schlafen durften, und
so blieben wir eine Woche und genossen die interessante und ungewohnte Gesellschaft
dieser
so unterschiedlichen Menschen.
Bevor wir Vipassana machen wollten, absolvierte ich noch den Reiki I Kurs in
Kathmandu. Vipassana ist eine Meditationsform, in welcher einem das ständige
Bewusstsein der Veränderlichkeit gelehrt wird. Zehn Tage lang verbrachte
man in Schweigen und zwölf Stunden am Tag in Meditation. Ich kam jeden Tag
an meine Grenzen, und doch hat es so unglaublich gut getan, diese Zeit durchzustehen
und mich mit mir selber auseinanderzusetzen. Den Abschluss bildete eine Metameditation.
Das Ziel war glücklich zu werden, indem wir andern Glück entgegenbringen.
Mit einem Lachen ließen alle die körperlich sehr anstrengenden Tage
hinter sich. Es war eine sehr bereichernde Erfahrung. Anschließend an den
Kurs besuchten wir noch einige nepalische Dörfer und Städte. Nach zwei
Tagen Kolonne stehen schafften wir es auch, ein Visum für Indien zu bekommen.
Nun konnten wir nach Delhi zurückfliegen, wo wir noch einmal shoppen wollten.
Hier war es 45 Grad heiss, und unsere Körper hatten Mühe, sich damit
zurecht zu finden. Wir tranken nur und trotzdem schwitzten wir nicht, irgendwie
verdampfte alles. So kam es, dass ich am letzten Tag vor der Heimreise noch ins
Spital musste, da ich dehydrierte. Diese Erfahrung musste ich wohl auch noch
machen. Ich werde diese halbe Stunde im Spital, wo man mir an beiden Armen je
drei Infusionen rein drückte, wohl nie mehr vergessen. Nach diesen Strapazen
landeten wir erleichtert und glücklich in der Schweiz.

Zur Cystischen Fibrose ist zu sagen, dass die Reise recht unbeschwerlich
wurde, da ich die Hälfte der Medikamente zwischenlagern konnte und auch durch meinen
neuen Freund, den E-Flow. Ich glaube, ohne diesen kleinen schnellen Inhalierapparat
mit Batteriebetrieb wäre so eine lange Reise gar nicht möglich gewesen.
Zumal wir fast immer an Orten übernachtet haben, wo es keine Steckdosen
gab. Vor der Abreise habe ich mir noch zwei Aerosol-Köpfe gekauft, da ich
das Inhalierset während der Reise nicht auskochen konnte. Außerdem
habe ich mir Adressen besorgt von Spitälern in den grösseren indischen
Städten, welche wir bereisen wollten. Mir und meinen Eltern war es sehr
wichtig, dass mein Arzt Carlo Mordasini kein Problem darin sah, dass ich so eine
lange Reise in ein Land, welches wohl nicht gerade den Preis für Hygiene
gewinnen würde, antreten wollte. In den beiden Wochen vor der Abreise machte
ich dann noch eine IV-Heimkur und fühlte mich anschließend gestärkt
und bereit,dieses Abenteuer in Angriff zu nehmen. Es waren also ideale Bedingungen
geschaffen, um einen Traum zu verwirklichen. Die ganze Reise stand unter einem
guten Stern. Ich hatte in den acht Monaten nie größere Probleme mit
CF. Meine ganzen Reserveantibiotika konnte ich nach und nach zurückschicken.
Ein Grund, dass es mir mit CF so gut gegangen ist, sehe ich in unserer Lebensführung.
Wir hatten uns durch die reichhaltige indische Küche (mal abgesehen davon,
dass es dreimal am Tag Reis gab) sehr gesund ernährt. Wir durften eine unglaubliche
Vielfalt an Früchten und Gemüse erleben. Alle diese exotischen Früchte,
welche man sich bei uns fast nicht leisten kann, gab es an jeder Straßenecke.
Man konnte sich immer und überall von Kokosnüssen, Mangos, Papayas,
Litchies, Chicun und noch vielen Früchten mehr ernähren. Außerdem
machte ich fast täglich meine Yogaübungen, welche gut Sekret mobilisierten
und auch zu einer guten Haltung beitrugen. Yoga war meine Möglichkeit, im
chaotischen Indien immer wieder meine Ruhe zu finden und körperlich und
im Geiste beweglicher zu werden. Diese Reise nach Indien und Nepal war für
uns eine unglaubliche Erfahrung. Sie hat mich für meinen weiteren Lebensweg
geprägt, und meine Gedanken werden für immer den Weg zurück in
dieses farbige Land der Gegensätze und der Schätze finden. Meiner Mutation
der Cystischen Fibrose schien Indien mindestens ebenso gut zu gefallen wie meiner
Seele. Ich bin sehr dankbar dafür, dass es mir ermöglicht wurde,
mit CF so eine Reise zu unternehmen.

Noch kurz zu mir. Ich bin 26 Jahre alt, im Wallis aufgewachsen und lebe
nun in Bern. Meine Schwester Sidonia ist 25 Jahre alt und hat ebenfalls
CF. Zurzeit
arbeite ich, nach meinem Studium in klinischer Heil- und Sozialpädagogik,
im Humanus-Haus. Das ist eine Einrichtung für Menschen mit einer geistigen
Beeinträchtigung.
Ihr könnt mir jederzeit schreiben, wenn ihr Fragen habt zur Planung einer
längeren Reise oder zum Leben in Indien. Ich würde mich über
Rückmeldungen
von euch sehr freuen.
Meine E-Mail-Adresse:
tina_schmidt_(at)hotmail.com

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