Spucknapf
 

Leben mit einem randgefüllten Glas Wasser in der Hand

Der Philosoph Karl Jaspers

     
         
 

Gerade rechtzeitig zum Anfang meiner zweiwöchigen Antibiotika-"Kur" ist das Paket von meiner Versandbuchhandlung gekommen. Ausnahmsweise sind aber nicht Bücher drin, sondern eine Kassette. Ich lege sie ein, mache es mir bequem und lasse mich von der Stimme des alten Mannes gefangennehmen, der mir hier sein Leben erzählt. Er spricht sehr klar und deutlich; von Zeit zu Zeit räuspert er sich, wenn Sekret die Stimme zu belegen beginnt - ein Geräusch, das mir von CF-Betroffenen ausgesprochen vertraut ist. Endlich höre ich nun selber die charakteristische norddeutsche Trennung von s-t bei Wörtern wie "ver-stehen" (wir sprechen das ja "verschtehen" aus), über die ich so oft in Berichten von ZeitgenossInnen gelesen haben.

Der da spricht, ist Karl Jaspers, ein grosser Philosoph des 20. Jahrhunderts. Was mich mit ihm verbindet, ist mehr als nur die Menge seiner philosophischen Bücher, die mich alle locken wie ein faszinierendes Wunderland, das es zu entdecken gilt. Vor zwanzig Jahren, als ich achtzehn Jahre alt und voller Aengste und Probleme war, hat eine Freundin mir erzählt, dass Karl Jaspers eine ähnliche Krankheit gehabt hätte wie ich. Ohne mehr darüber zu wissen, habe ich mich seither mit ihm verbunden gefühlt. Erst vor einem Jahr bin ich dann auf seine autobio-graphischen Schriften ("Schicksal und Wille", 1967) gestossen und habe die Schilderungen seiner Kindheit und Jugend, seiner Krankheit und seiner Kämpfe seither immer und immer wieder gelesen. Jaspers ist mir zum Freund geworden; durch ihn habe ich einiges über mich selber besser - nein, überhaupt verstehen gelernt.

Wer war Karl Jaspers? Karl Jaspers wurde 1883 in Oldenburg (D) geboren. Nach Abschluss des Medizinstudiums wurde er wissenschaftlicher Assistent an der Heidelberger Psychiatrischen Klinik und heiratete 1910 Gertrud Mayer. 1913 habilitierte er sich in Psycho-logie, 1921 wurde er Professor für Philosophie in Heidelberg. Philosophie hatte ihn immer schon interessiert, aber er lehnte die akademische Philosophie, das reine abstrakte Denken ab. Seiner Meinung nach musste Philosophie "die Wahrheit, den Sinn und das Ziel unseres Lebens zeigen". Den Umweg über Medizin und Psychologie wählte er, um Natur und Menschen kennenzulernen, um "zu wissen, was Realität ist", bevor er sich der Philosophie zuwandte. Sein Philosophieren drehte sich in der Folge auch stets um den Menschen und seine konkrete Existenz in der Welt. Jaspers gilt als einer der Begründer der Existenzphilosophie. Als logische Konsequenz seiner Lebenshaltung hat er sich immer wieder öffentlich zur geistigen und poli-tischen Situation seiner Zeit geäussert.

Wegen seiner kritischen Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus, und weil er sich weigerte, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen, verlor er 1937 seine Stelle an der Universität und erhielt 1938 Publikationsverbot. Eine Einladung als Gastdozent nach Basel 1941/42 lehnte er ab, weil seiner Frau die Ausreise nicht bewilligt wurde. Beide richteten sich darauf ein, sich das Leben zu nehmen, falls Gertrud Jaspers verhaftet würde. 1945, in letzter Minute für das Ehepaar Jaspers - ihre Deportation war bereits geplant - war der Krieg und damit die Herrschaft der Nazis zu Ende. Karl Jaspers wurde sogleich in die Leitung der Universität berufen und galt bei den Amerikanern als eine wichtige Persönlichkeit in der "Entnazifizierung" der Universität. Nach anfänglichem Enthusiasmus fühlte er sich aber mehr und mehr als "Puppe" missbraucht, nicht wegen seines Philosophierens geschätzt, sondern als Gallionsfigur benutzt. Seine Hoffnungen auf eine wirkliche geistige und politische Umkehr Deutschlands und der Universität sah er bitter enttäuscht. Aus diesem Grund folgte er 1948 dem Ruf nach Basel und zog mit seiner Frau in die Schweiz. Bis 1961 lehrte er an der Basler Universität, und bis zu seinem Tod 1969 schrieb und forschte er weiter. Noch immer erscheinen von Zeit zu Zeit Veröffentlichungen aus seinem Nachlass.

Bekannt wurde Jaspers unter anderem wegen seiner Schriften "Die geistige Situation der Zeit" (1931) oder "Die Schuldfrage" (1946); als philosophische Hauptwerke könnte man wohl nennen die "Philosophie" (1932), "Von der Wahrheit" (1947) oder "Die grossen Philosophen" (1957). Er hat sich aber nicht nur an die akademische Welt gerichtet, sondern hielt Ansprachen am Radio und verfasste philosophische Einführungen für ein breiteres Publikum, z.B. "Einführung in die Philosophie" (1950) oder "Kleine Schule des philosophischen Denkens" (1965).

Angesichts seines umfangreichen Werkes und der Tatsache, dass Karl Jaspers 86 Jahre alt wurde, ist es fast nicht zu glauben, dass er sein ganzes Leben lang schwer krank war und seinen Alltag nur durch Einhalten rigoroser Lebensregeln und dank der Hilfe seiner Familie und später seiner Frau meistern konnte. 1938 hat Jaspers seine Krankheitsgeschichte aufgeschrieben, um Aerzten und Mitbetroffenen Einblick in sein Leben zu geben. Als Mediziner schildert er seine Krankheit und sein Leben mit einer solchen Detailtreue und Offenheit, dass man als Leserin fast Zwiesprache mit ihm halten kann. Stellenweise kommt mir Jaspers Bericht wie ein Text zu meinem eigenen Leben vor - trotz der Distanz von über 60 Jahren.

Schon von Geburt an war Karl Jaspers kränklich, hustete und hatte oft Fieber. Als er 18 Jahre alt war, diagnostizierte sein Arzt bei ihm Bronchiektasen (krankhafte Erweiterungen der Bronchien, in denen sich Sekret ansammelt, was zu schweren Infektionen führt). Als Folge davon hatte er ausserdem eine Herzinsuffizienz, die zeitweise so stark war, dass ihm bei Vorlesungen die Stimme versagte. Der Arzt teilte ihm mit, dass er mit seiner Krankheit leben könne, wenn er akzeptiere, dass er sein Leben lang regelmäs-sig "expektorieren" (das Sekret aushusten) müsse.

Im Lauf seines Medizinstudiums stiess Jaspers auf eine Studie, in der stand, dass Bronchiektatiker in der Regel nur wenig über dreissig Jahre alt würden. Von da nahm er die Therapie sehr ernst. Es dauerte jedoch etliche Jahre, bis er überhaupt ein effizientes Therapieverfahren herausge-funden und in sein Leben integriert hatte. Was er beschreibt, ist mehr oder weniger das, was früher auch CF-Betroffene als "Forced Expiration Technique" gelernt haben. Jaspers führte diese Expektorationen, wie er es nennt, fast stündlich durch. Da ihn das Husten erschöpfte, musste er jeweils nachher noch 5-10 Minuten ausruhen. Dies hat sich natürlich in jeder Hin-sicht auf sein praktisches Alltagsleben aus-gewirkt. "Regelmässig expektorieren, Erkältungen vermeiden, das Herz nicht überanstrengen - das sind die einfachen Grundsätze der Behandlung. Aber die Durchführung ist nicht einfach. Die Aufgabe richtiger Behandlung greift so sehr in jede Stunde ein, dass es ist, als ob jemand ständig mit einem bis an den Rand gefüllten Glas Wasser in der Hand leben und dabei aufpassen sollte, dass er keinen Tropfen verschüttet. ... Es ergibt sich, dass Lebensführung und Geselligkeit unter den Gesichtspunkt der Sorge für richtige Expektoration treten. An stundenlanger Geselligkeit kann ich nur mit Inkaufnahme von Schädigungen teilnehmen."

Natürlich gab es theoretisch die Möglichkeit, sich auf eine Toilette oder in ein zur Verfügung gestelltes Zimmer zurückzuziehen zur Therapie. Das funktionierte aber nicht wirklich: "Die Prozedur erfordert Ruhe. Jede Eile, seelische Okkupiertheit, Spannung ... verhindern die Sekretion. Es ist dann, als ob kein Sekret da wäre." Und auch an einer anderen Stelle weist er nochmals darauf hin, dass das Aushusten nicht gelingt, wenn er zu lange gesprochen hat oder wenn "nicht genügend Hingabe stattfindet, wenn seelische Erregungen eintreten."

 

 

Jaspers litt darunter, dass diese Vorsichtsmassnahmen von seiner Umgebung nicht immer verstanden wurde. "Der Kontrast meiner gesund anmutenden Erscheinung zu meiner faktischen physischen Leistungsfähigkeit machte mich zumal für Fremde unglaubwürdig. Ich hatte - wenigstens an guten Tagen - eine Fassade von Kraft: hochgewachsen, eine gewisse Energie der Haltung, eine Stimme, die zwar nicht laut, aber kräftig am Katheder klang. Man hat mir meine Krankheit oft nicht geglaubt. Ich dagegen kam mir in schlechter Situation manch-mal wie ein Betrüger vor, wenn ich tat, als ob ich gesund sei, und doch den ganzen Tag auf diese einzige Vorlesungsstunde hin lebte, zu Hause sogleich wieder auf der Chaiselongue lag und die Expektoration fortsetzte."

Oft musste Jaspers Vorlesungen halten oder an Sitzungen teilnehmen, obwohl er krank war und seine Leistung nicht seinen Ansprüchen genügte. Es blieb ihm nichts an-deres übrig, als dies in Kauf zu nehmen, wenn er nicht gänzlich auf jegliche Berufs-tätigkeit verzichten wollte. Ursprünglich hatte er ja sogar einen praktischen Beruf ergreifen wollen, nicht zuletzt auch deshalb, weil er sich für geistige Leistungen für vollkommen unbegabt hielt. Dass seine berufliche Laufbahn ihn über die psychiatrische Klinik - wo er in einer Sonderstellung als wissenschaftlicher Assistent ohne festen Arbeitsauftrag frei forschen konnte - und den Lehrstuhl für Psychologie schliesslich zur Philosophie führte, hat Jaspers rückblickend als gütige Fügung des Schicksals beurteilt.

Wichtige Faktoren waren aber sicher auch seine eiserne Disziplin und der Wille, den enggesteckten Rahmen seiner Leistungs-fähigkeit möglichst auszuschöpfen. Dies war ihm aber nicht von Anfang an gegeben. Als junger Mann erlebte Jaspers viele Momente der Mutlosigkeit und Verzweiflung. Die Spannung zwischen seinem Anspruch an eigene Leistungen und seinen körperlichen Möglichkeiten schien ihm unüberwindlich. 1905 schrieb er in sein Tagebuch: "Ich fühle mich recht überflüssig auf der Welt. ... Ob ich wirklich noch einmal nützlich tätig sein werde? ... Was mag es doch zu bedeuten haben, dass solche unglücklichen Individuen auf der Welt existieren müssen?" In einem Brief vom 12.2.07 schrieb er: "Es kann möglich sein, dass ich eines Tages ganz invalide bin. Ein so chronisches und wegen der dauernden Eiterungsprozesse angreifendes Leiden drückt schliesslich auch die Leistungen des Gehirns herunter. ... Obgleich ich mir keine Verantwortung dafür zumessen kann, werde ich mich doch verachten müssen."

Ein wesentlicher Schritt war für Jaspers die Erkenntnis, dass er seinen jeweiligen Zu-stand richtig einschätzen musste, dass es auch bei ihm "gesund" und "krank" gab . "Es kommt auf Unterscheidung an. Sonst versinkt man, nicht gesund und nicht krank, in eine Passivität. Dass die guten Tage und guten Zeiten wiederkehrten, beflügelte meine Arbeit. Aber es gab nicht nur Tage und Wochen, sondern Jahre, die schlecht waren. Ich musste warten lernen und vertrauen, dass es wieder anders wird." Sein Arzt, Dr. Fraenkel, spielte eine wichtige Rolle in diesem Lernprozess. "Er lehrte mich, gesund zu sein, wenn man krank ist. Er gab mir das Zutrauen und für immer den Mut, trotz allem den Weg möglicher Leistung zu gehen. ... Er machte mir klar, ... wie ich in schlechten körperlichen Zuständen nicht dem Augenblick glauben dürfe; wie ich mich nicht durch die Gesellschaft und ihre Forderungen einschüchtern lassen, sondern die Wertmasstäbe aus meiner eigenen faktischen Arbeit nehmen müsse."

Von unschätzbarem Wert war aber für Jaspers auch die Tatsache, dass er sich von seinen Eltern geliebt und unterstützt fühlte. "Meine Eltern haben den Mut nicht aufgegeben, auch wenn es mit meinem Dasein noch so bedenklich zu stehen schien. Sie liessen mich fühlen, wie gut das Leben, und dass ich ihnen nicht zur Last, sondern eine Freude sei."

1907 lernte Karl Jaspers dann seine grosse Liebe Gertrud Mayer kennen. Von da an veränderte sich seine Lebenshaltung, er fand heraus aus Verzweiflung und Einsamkeit. "... vor allem meiner Frau verdanke ich ihre vorauseilende Verstehenskraft, so dass ich gerne lebte. Durch sie fand ich Mut und Lust zur Tätigkeit." Alle seine Werke sind in der Zwiesprache mit ihr entstanden. Sie schrieb seine handschriftlichen Arbeiten ins Reine und versah sie mit kritischen Randbemerkungen.

Warum bedeutet mir die Geschichte von Karl Jaspers so viel? Spontan kommen mir Flos-keln in den Sinn wie: Seine Situation macht mir Mut; auch ein kranker Mensch kann Grosses leisten. Aber schon der zweite dieser Sätze verursacht mir eher Unbehagen als Begeisterung.

Was mir wirklich Eindruck macht, ist, wie Jaspers seine schwere Krankheit mit ihren Einschränkungen angenommen und dadurch den Freiraum gewonnen hat, in dem die Entfaltung seines Werkes möglich wurde. "Das Wissen um das Unausweichliche fordert, das Kranksein anzunehmen. Es wird unablösbar vom eigenen Dasein. Man wird sich einer unüberschreitbaren Grenze bewusst. Mit ihr sich ohne Verschleierung selbst zu finden, ist der Ursprung, aus dem man seine Krankheit 'übernehmen' kann. Die Krankheit erweckt aus den sonst fraglosen Selbstverständlichkeiten. Sie fordert ein Leben unter Ausnahmebedingungen." 

Dass ihm das Leben unter diesen Ausnahmebedingungen gelungen ist, davon zeugt Jaspers' eindrückliches Werk, aber auch der lebensbejahende Geist, der einem daraus entgegenkommt. Man würde es verstehen, wenn er als Professor und prominenter Mann seine Schwierigkeiten und Kämpfe für sich behalten hätte. Ich bin ihm zutiefst dankbar, dass er in seinen autobiographischen Schriften so offen über seine Krankheit spricht. Von Jaspers können wir lernen, dass ein geglücktes Leben nicht unbedingt aus der Stärke erwächst. Das heisst nun nicht, dass ein Leben nur geglückt ist, wenn eine solche enorme Leistung daraus hervorgeht, wie bei Karl Jaspers. Er hat in all seinen Beschränkungen den Weg gefunden, der für ihn der richtige war. Das ist nicht zuletzt eines der Themen seiner Philosophie: An der Begrenzung kann der Mensch erst entdecken, wer er selber ist. Die Beschränkung anzunehmen kann mir die Freiheit schenken, ich selber zu werden und meinen eigenen Lebensweg zu gehen.

Heidi Karlen

Die Zitate stammen aus: Karl Jaspers: Schicksal und Wille; Autobiographische Schriften (Piper Verlag 1967). Das Buch ist vergriffen, aber sicher in Antiquariaten und Bibliotheken auffindbar. Es enthält neben der Krankheits-geschichte (p. 109-142) noch weitere autobiographische Texte, die schön und sehr leicht zu lesen sind. Die Bilder stammen aus: Karl Jaspers; Werk und Wirkung (Piper Verlag 1963), Hans Saner: Jaspers (rororo bildmono-graphie 1970)

 
         
         
         
         
 

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