| |
Cystische Fibrose ist seit meiner Geburt ein fester Bestandteil
meines Lebens. Nicht etwa, weil ich selber CF habe, sondern weil meine ältere
Schwester Mirjam an CF erkrankt ist.
Während ich sie in meiner Kindheit nachahmte indem ich so tat, als
müsste ich Tabletten einnehmen und die kleinen Erbsen deshalb einzeln
mit einem grossen Schluck Wasser hinunterschluckte, war sie diejenige,
die zu jeder Mahlzeit ihre Medikamente einnehmen musste, egal, ob ihr dies
Spass machte oder nicht.
Ich versuchte aber nicht nur, indem ich Erbsen schluckte, so zu sein wie
sie. Als ich klein war, war meine Schwester in allem mein grosses Vorbild
und so gefiel mir alles, was ihr gefiel – ihr Lieblingsspielzeug
war auch das meinige.
Wenn Mirjam im Wohnzimmer inhalieren und AD machen musste, spielte ich
im selben Zimmer, so dass ich nicht alleine war. Wenn mir beim Kartenspiel
Mirjam als Gegner fehlte, da sie gerade inhalierte, spielte ich gegen die „Luft“.
Manchmal spielte ich auch den „Fernseher“ für Mirjam,
damit die Inhalation für sie weniger langweilig war. Sie durfte dann
mit einer virtuellen Fernbedienung ein Programm wählen, welches von
mir gestaltet wurde.
Wenn meine Schwester wieder einmal für längere Zeit ins Spital
musste, konnte ich, während meine Mutter zu ihr ging, zu verschiedenen
Freunden spielen gehen.
Wenn Mirjam im Spital war, vermisste ich sie immer sehr. Da Kinder erst
ab einem gewissen Alter als Besucher ins Spital gehen dürfen und ich
somit während meiner Kindheit nicht immer mitgehen durfte, sah ich
sie oft erst wieder, wenn sie nach Hause kam.
An die Zeiten, in denen es ihr wirklich schlecht ging, erinnere ich mich
kaum. Einerseits ist das sicher der Fall, weil es zeitlich schon so lange
zurück liegt, andererseits habe ich wohl auch verdrängt, dass
Mirjams Gesundheitszustand manchmal sehr labil war. Ich sah in ihr auch
nie einen kranken Menschen, denn in meinen Augen litt sie nicht wirklich
unter einer Krankheit. Sie musste zwar mehrmals täglich Physiotherapie
machen, doch krank sein bedeutete für mich, das Bett hüten zu
müssen. Ausserdem gehörte ihr Husten genauso zu ihr wie ihre
braunen Augen und ihre Stupsnase. Sie war meine Freundin und zwischen ihr
und meinen anderen Freunden bestand kein Unterschied.
Auch als wir beide älter wurden und uns Barbiepuppen längst nicht
mehr interessierten, verstanden wir uns weiterhin blendend. Mirjam ist
damals wie heute eine meiner wichtigsten Bezugspersonen. Auch wenn sie
inzwischen nicht mehr zu Hause wohnt, sehen wir uns regelmässig und
gehen zusammen in den Ausgang.
Während sie als Sachbearbeiterin bei einer Sozialversicherung arbeitet,
beende ich gerade das Gymnasium und stehe kurz vor der Matur, weshalb auch
für mich im Verlauf des letzten Jahres das Schreiben einer Maturitätsarbeit
anstand.
Als ich ein geeignetes Thema suchte, war mir schon sehr bald klar, dass
ich mich mit Cystischer Fibrose auseinander setzen möchte. Ich wollte
aber nicht eine theoretische Arbeit über diese Erbkrankheit schreiben,
sondern ein Produkt erschaffen, da ich so meine Kreativität ausleben
konnte. Zuerst überlegte ich mir, ein Bilderbuch zu gestalten, doch
diese Idee verwarf ich, da ich selber schon drei Bilderbücher über
CF kenne. So überlegte ich weiter und entschied mich schliesslich
dafür, trotz fehlender Erfahrungen ein Hörspiel aufzunehmen und
diesen Schritt in Neuland zu wagen.
Dann überlegte ich mir, wie ich mein Hörspiel genau gestalten
möchte und welche Ideen mir zu CF durch den Kopf gehen. Dabei erinnerte
ich mich an meine Kindheit, in der ich oft von Bekannten gefragt wurde,
was für eine Krankheit meine Schwester denn genau habe. Gerade als
Kind fiel es mir schwer, die passenden Worte zu finden, um diese Frage
ausreichend zu beantworten. Mir fehlte damals das entsprechende Vokabular
und nötiges Hintergrundwissen. Ausserdem empfand ich all diese Fragen
als mühsam. Wie mühsam musste es aber für meine Schwester
gewesen sein, solche Fragen zu beantworten? Denn im Gegensatz zu mir stellten
ihr sehr viele Personen Fragen über ihre Krankheit, beispielsweise
ihre Mitschüler, die wissen wollten, weshalb sie ein Döschen
mit Tabletten dabei habe oder wieso sie beim Sportunterricht so schnell
ausser Atem komme.
|
|
So entwickelte ich die Idee, dass ich mit meinem geplanten
Hörspiel Kinder über Cystische Fibrose informieren könnte,
so dass mehr Menschen wissen, was CF genau ist. Ich wollte bewusst Kinder
im Primarschulalter ansprechen, da diesen im Gegensatz zu Erwachsenen
keine Fachliteratur zur Verfügung steht, um sich über CF zu
informieren. Ihnen bleibt nur die Möglichkeit, beim Betroffenen
selbst nachzufragen. Diese Fragerei kann aber für den CF-Betroffenen
selber mühsam sein, besonders für Kinder, die sich beschränkter
ausdrücken können. Mein Hörspiel soll deshalb gerade betroffenen
Kindern die Möglichkeit geben, beispielsweise ihre Mitschüler über
ihre Krankheit zu informieren, ohne dabei selber mit unglaublich vielen
Fragen gelöchert zu werden. So wissen die Kinder, nachdem sie dem
Hörspiel gelauscht haben, warum beispielsweise ein Mitschüler
von ihnen für mehrere Wochen ins Spital gehen oder Medikamente einnehmen
muss.
Die Kinder erfahren im 20 minütigen Hörspiel nach und nach, wie der
Alltag eines CF-Betroffenen aussehen kann und inwiefern sich das Leben eines
Betroffenen von dem eines gesunden Menschen unterscheidet, indem sie ein Mädchen
namens Nina durch ihren Alltag mit CF begleitet. Eine Sprecherin geht auf die
wichtigsten Elemente ein und ergänzt Ninas Aussagen. Mir war es aber wichtig,
nicht nur den Alltag eines Betroffenen aufzuzeigen. Sehr viel Wert legte ich
auf die Botschaft, dass erkrankte Kinder zwar in ihrem Alltag eingeschränkt
werden, sie aber aufgrund ihrer Krankheit nicht andersartig ist. Mir ist sehr
wichtig, dass der Hörer lernt, dass man auf alle Kinder offen zugehen und
sie gleich behandeln soll, unabhängig von irgendwelchen Krankheiten. Deshalb
heisst mein Hörspiel auch „Das Chend hueschdet zwar meh als du, aber
wäge dämm esches doch ned andersch!“
Falls Sie jetzt neugierig auf mein Hörspiel wurden oder es Kindern vorspielen
möchten, so finden sie dieses auf der Seite XY. Ich hoffe sehr, dass mein
Hörspiel an CF erkrankten Kindern helfen kann und ihnen einige unangenehme
Fragen ersparen kann, denn mit diesem Ziel habe ich es auch geschrieben und aufgenommen…
Leila Widmer |
|