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Interview mit Dr. Carlo Mordasini
von Urs Kriech
Dr. Carlo Mordasini ist Chefarzt und Leiter der Abteilung für Pneumologie
am Tiefenauspital in Bern. Seit rund 17 Jahren wird am Tiefenauspital
ein Teil der erwachsenen Personen mit CF aus Bern und den umliegenden Kantonen
Solothurn, Jura, Freiburg und Wallis betreut; heute sind dies rund 80 PatientInnen.
Wer ihm begegnet, spürt, dass er mit Herzblut bei seiner Arbeit
ist. Darauf angesprochen lacht er und meint, CF sei ein faszinierendes
Thema,
es sei medizinisch und menschlich interessant. Aber das gelte für
jeden Beruf, wenn man ihn mit Freude mache, dann sei er auch spannend.
Darauf komme es an. Wenn man in ein Restaurant gehe, merke man es auch,
wenn dem Koch alles egal sei, dann gebe es nichts Gutes zu Essen; hingegen
wenn er mit Freude bei der Sache sei, dann seien auch die Gäste
zufrieden.

Herr Mordasini, welche Vorsichtsmassnahmen gegen die Übertragung
von Keimen werden am Tiefenauspital getroffen?
Prinzipiell legen wir nie zwei Personen mit CF in ein Zimmer, auch bei
gleichen Keimen, da immer ein kleines Restrisiko besteht, dass ein neuer
Keim auftritt, der dann übertragen werden könnte.
Bei verschiedenen Keimsituation wie Pseudomonas-negativ, Pseudomonas-positiv
und multiresistentem Pseudomonas trennen wir die PatientInnen bei der
Sprechstunde, in der Lungenfunktion und auf der Abteilung.
Bei grösseren Problemkeimen wie dem Burkholderia cepacia (B. cepacia)
oder dem eher seltenen Methicillinresistenten Staphylokokkus Aureus (MRSA)
trennen wir sehr streng. PatientInnen, die von diesen Keimen betroffen
sind, gehen weder ins Labor noch in die normale Sprechstunde, ins Wartezimmer
oder in die Lungenfunktion, auch nicht zeitverschoben. Wir haben dafür
einen speziellen Raum, der jeweils nach der Behandlung desinfiziert wird,
damit auch eine Übertragung von verschiedenartigen Cepaciakeimen verhindert
wird. Auch Blutentnahme und Lungenfunktion mit einem mobilen Gerät
finden in diesem Raum statt.
Diese Vorsichtsmassnahmen sind selbstverständlich für einen
Ort wie ein Spital, an dem sich so viele Menschen mit verschiedenen Keimen
befinden. Nun sind in den letzten Jahren auch die CF-Lager zunehmend
ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Wäre es denn nicht möglich,
diese Lager auch nach Keimen zu trennen und so weiterzuführen?
2003 kam es im Jugendlager in der Bretagne zu einer Übertragung
des B. cepacia. Damals wurden fünf Jugendliche infiziert. Wir machen
bei uns alle drei Monate Sputumkontrolle, und da merkte ich, dass jemand,
der im Lager gewesen war, neu mit dem B. cepacia infiziert war. Daraufhin
telefonierte ich dem Lagerleiter, und schlussendlich haben wir die anderen
auch noch gefunden. Dieses Ereignis war ausschlaggebend dafür, dass
die CF-Gesellschaft heute keine Kinder- und Jugendlager mehr anbietet.
Angesichts der momentanen Hygienediskussion ist auch der Wunsch der Eltern
nach solchen Lagern nicht mehr so gross.
Hat man denn nicht vor dem Lager alle TeilnehmerInnen auf B. cepacia
getestet?
Das Ganze war eine unglückliche Verkettung verschiedener
Faktoren. Die Sputumproben waren zum Teil in Privatlabors untersucht
worden, das
war problematisch. Wenn man kein Selektivmedium hat, findet man den B.
cepacia nicht immer.
Für die Erwachsenenlager in Gran Canaria machen wir jetzt die Sputumkontrolle
zentral bei uns. Es müssen alle TeilnehmerInnen 10 Tage vor der
Abreise ein neues Sputum bringen, so kann man das Risiko sehr minimieren.
In den meisten Ländern Europas und Nordamerikas sind die CF-Lager überdies
z.T. seit längerer Zeit abgeschafft worden. Es scheint auch so zu
sein, dass bei der neuen, jüngeren Generation der CF-Betroffenen
der Wunsch nach Kontakt untereinander weniger deutlich ausgeprägt
ist als bei den jetzt erwachsenen CF-Betroffenen.
Wie gross ist das Risiko einer Ansteckung, wenn sich CF-Betroffene untereinander
treffen?
Wenn gewisse Vorsichtsmassnahmen eingehalten werden, bin ich
der Meinung, dass sich erwachsene Personen mit CF durchaus treffen können.
Für
viele ist das Gespräch mit anderen Betroffenen wichtig. Es gibt
ja immer mehr Selbsthilfegruppen auch aus anderen Sparten der Medizin;
AsthmatikerInnen, KrebspatientInnen etc. treffen sich und tauschen untereinander
ihre Erfahrungen aus. Erwachsene mit CF sollen dies meiner Meinung nach
auch tun können, solange nicht Problemkeime im Spiel sind. Pseudomonas-positiv
sind ja ohnehin die meisten Erwachsenen, dies wird sich in Zukunft allerdings ändern.
Wichtigste Voraussetzung ist aber, dass jede und jeder weiss, welche
Keime sie/er hat, und entsprechend verantwortungsbewusst handelt. Durch
einfache Massnahmen lässt sich das Übertragungsrisiko auf ein
Minimum reduzieren. Konkret heisst das: Hände desinfizieren, nicht
aus dem gleichen Glas trinken etc. Es gibt Leute, die ausserdem empfehlen,
sich nicht die Hand zu reichen oder keine Begrüssungsküsse
auszutauschen. Bei Personen mit «normalem» Pseudomonas würde
ich nicht einmal so weit gehen, ich glaube nicht, dass sie sich damit
real gefährden.
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Man weiss, dass Pseudomonaden, wenn sie nicht im Sputum eingepackt sind,
auf Flächen nur wenige Stunden leben. Anders sieht es aus, wenn
jemand Sputum in der Hand hat und die Bakterien so verteilt, wenn jemand
beispielsweise in die Hand hustet und nachher irgendwelche Gegenstände
berührt. Im Sputum können die Keime länger überleben
und somit auch übertragen werden. Die Gefahr hingegen, dass sich
der Pseuomonas durch die Luft überträgt, ist wesentlich kleiner,
es ist nicht so dass es ein Aerosol gibt, das längere Zeit im Raum
bleibt. Wenn zum Beispiel jemand in einem Physioraum hustet und drei
Stunden später jemand anderes in diesen Raum kommt, so ist das Übertragungsrisiko
durch die Luft minimal. Wenn allerdings die erste Person in die Hand
gehustet hat anstatt ins Tüechli und mit dieser Hand beispielsweise
die Liege berührt, dann kann es eine Übertragung geben auf
eine andere Person, die diese Stelle ebenfalls berührt. Wir haben
bei uns im Spital einmal alle Türklinken untersucht und keinen Pseudomonas
gefunden. Wenn man also relativ einfache hygienische Vorschriften beachtet,
dann findet man den Pseudomonas auf Oberflächen nicht mehr.
Im Umgang mit Problemkeimen gelten natürlich auch bei privaten
Kontakten ganz andere Vorsichtsmassnahmen. Beim B. cepacia und dem MRSA
empfehle ich auf jeden Fall, dass der Betroffene seine Verantwortung
wahrnimmt und Kontakte mit anderen Personen mit CF meidet. Obwohl bisher
bei denen, die ich kenne, der B. cepacia nicht zu einer gesundheitlichen
Verschlechterung geführt hat, sollte man hier Rücksicht auf
die anderen nehmen.
Natürlich ist dies eine grosse Belastung für jemanden, dem die Kontakte
zu anderen CF-Betroffenen wichtig sind. Wenn sich jemand für CF engagiert,
aktiv und überall dabei ist, kann es schon hart sein, wenn er oder sie
das von einem auf den anderen Tag nicht mehr darf. Keime wie der Pseudomonas aeruginosa werden ja nicht nur zwischen CF-Betroffenen übertragen,
sondern können auch aus der Umwelt aufgenommen werden.
Es ist durchaus so, dass CF-Betroffene den Pseudomonas auch
aus der Umwelt erwerben können. Man weiss auch, dass an gewissen
Orten das Risiko höher
ist, z.B. überall wo es Wasser hat. Eine Untersuchung des Wassers in öffentlichen
Schwimmbädern hat allerdings kürzlich gezeigt, dass die Keimzahl
gar nicht so hoch ist wie erwartet. Ob es Untersuchungen darüber gibt,
wie weit man durch Verhaltensänderung bzw. durch Vorsichtsmassnahmen effektiv
verhindern kann, dass Keime aufgelesen werden, weiss ich nicht, aber ehrlich
gesagt bezweifle ich es.
Obwohl Lebenserwartung und Lebensqualität der CF-Betroffenen deutlich
höher sind als früher, habe ich nach Gesprächen mit Eltern und
Betroffenen manchmal das Gefühl, Angst und Verunsicherung hätten
eher zugenommen. Was meinen Sie, sind die Ängste übertrieben, oder
sind die Keime agressiver geworden?
Ich glaube nicht, dass die Keime agressiver geworden sind. Multiresistente
Keime gibt es deshalb mehr, weil CF-Betroffene heute älter werden und
somit auch länger mit Antibiotika behandelt werden. Aber abgesehen davon
glaube ich nicht, dass die Keime virulenter geworden sind. Hingegen hat sich
das Bewusstsein verändert, es wird mehr darüber gesprochen.
Es ist schon so, dass sich hier zwei Aspekte offensichtlich widersprechen.
Einerseits ist erwiesenermassen die Lebenserwartung von CF-Betroffenen enorm
gestiegen. Dafür sind mehrere Faktoren verantwortlich: Bessere Ernährung,
Enzympräparate, bessere Antibiotika und andere neue Medikamente. Gleichzeitig
aber, obwohl diese gestiegene Lebenserwartung eine Tatsache ist, gibt es eine
grosse Verunsicherung wegen der in meinen Augen z. T. übertriebenen und
zu strengen Hygienemassnahmen.
Man weiss, dass es statistisch für die Gesamtpopulation der CF-Betroffenen
günstiger ist, wenn sie über längere Zeit pseudomonasfrei sind.
Die chronische Besiedlung bzw. Infektion mit Pseudomonas aeruginosa stellt
einen Risikofaktor für die Verschlechterung der Langzeitprognose dar.
Daraus hat man gefolgert, dass man alles tun muss, um eine Infizierung zu verhindern.
Wenn der Pseudomonas neu diagnostiziert wird, probiert man ihn mit allen Mitteln
wieder auszurotten. Ich bin kein Facharzt für Kinder, aber ich weiss,
dass die Themen Ansteckung und Hygienemassnahmen sehr kontrovers beurteilt
werden, auch unter Fachleuten. Es gibt Hardliner, die alles verbieten wollen,
aber auch viele, die dieser Extremhaltung kritisch gegenüber stehen. Vor
allem in Amerika gelten sehr strenge Richtlinen.
Man muss auch bedenken, dass man die Eltern mit den ganzen Forderungen verunsichert
und verängstigt. Wenn ein Kind vor lauter Sorge der Eltern unter einer
Glashaube leben muss, nicht mehr baden gehen, nie an einem Teichlein spielen
darf, ist es fraglich, ob sich das dann später wirklich in einem längeren
und besseren Leben auswirkt. Meine persönliche Meinung ist eher, dass
man mit Vernunft leben sollte. Einem Kind zu verbieten, eine öffentliche
Toilette aufzusuchen, finde ich übertrieben, aber das ist mehr mein persönliches
Empfinden als eine wissenschaftlich abgestützte Tatsache.
Mit der modernen Medizin und der Technisierung wird uns manchmal das Gefühl
vermittelt, CF sei berechenbar. Das ist sie aber nun einmal nicht. Wenn dann
Eltern davon ausgehen, wenn sie alle Vorsichtsmassnahmen einhalten und ihr
Kind isolieren, dann werde es lange und gut leben, falls nicht, sei es ihre
Schuld, wenn es mit 20 schon transplantieren muss, dann finde ich das fatal. |
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