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Geschichte
einer Transplantation - von Urs Kriech
Vor
sechs Monaten wurde ich transplantiert. Die Zeit seither war sehr
intensiv, den nötigen Mumm, diesen Artikel zu schreiben, hab
ich lange nicht gefunden, nun gehöre ich halt auch zu denen,
die sich nicht an den Einsendeschluss halten.
Die
Entscheidung für diesen grossen Schritt fiel mir nicht leicht.
Obwohl die Erfolgsquote bei einer Transplantation heute um vieles
höher liegt als vor 10 Jahren, konnte ich mich nie so richtig
mit dem Gedanken anfreunden, die ganzen Strapazen und Risiken auf
mich zu nehmen. Es war die letzten 10 Jahre schwierig, immer wieder
mit meinen liebgewonnenen Aktivitäten zurückstecken zu
müssen, trotzdem erlebte ich viele glückliche Momente,
und fand immer Tätigkeiten, die mich erfüllten und auch
mit stark eingeschränkter Gesundheit noch möglich waren.
Die letzten zwei Jahre wurde es dann schlimmer, mehr Infekte, viel
zu wenig Luft, Kampf mit den Treppen, die Kinderarbeit auf ein Minimum
reduziert, was nur dank des guten Teams überhaupt noch möglich
war. Ich wusste, dass es so ganz bestimmt nicht mehr lange weitergehen
konnte, spürte aber auch, dass ich noch nicht bereit war zu
sterben. Ich habe mich dann bei Dr. Mordasini über die Transplantation
erkundigt, und nach langem und intensivem Ueberlegen habe ich mich
in der Uniklinik in Zürich für ein erstes Vorgespräch
angemeldet
Die
erste Hürde nach ein paar weiteren Beratungen waren die zweiwöchigen
Transplantationsabklärungen. Ehrlich gesagt, ich hatte grosse
Angst davor gehabt, schlussendlich war‘s aber mit einem Gigabyte
Computerspielen, etwas Lektüre und ein paar Heavymetalscheiben
ganz gut auszuhalten. Für mich das Schwierigste war die geballte
Ladung an Information: Fakten, die man zugegebenermassen unbedingt
wissen musste, die mir aber doch einige unruhige Nächte bescherten.
Fakten über Pflichten, Nebenwirkungen und Komplikationen nach
der Transplantation. Die Art der Untersuche waren kein Problem, das
war ich mir schliesslich gewohnt.
Nach
zwei Wochen war ich froh, wieder zuhause zu sein. Nichts gegen Zürich,
aber gerade jetzt war mir die Stadt Bern sympathischer denn je. Ich
trug einen Pieper am Hosengürtel. Ich sollte die Koffer gepackt
haben. Schon bei der Heimreise dachte ich daran, dass der Alarm losgehen
könnte, nach Angaben ohne Gewähr war ich mit meiner Blutgruppe
der Oberste auf der Liste, bereit für die ganze Prozedur fühlte
ich mich allerdings noch nicht.
Es gab viel vorzubereiten. In einem solchen Fall mache ich immer
als erstes eine Checkliste. Oberster Punkt: Checkliste lesen und
ausführen. Für
die Transplantation die nötigen Sachen packen , eine Adressliste machen
für die Benachrichtigung aller Freunde (die Unterhaltung nach der Operation
wollte ich nicht dem Zufall überlassen), viel, viel, viel Bürokram
erledigen und meinen Film zum Jahr der Freiwilligen noch vor der Premiere im
Dezember fertigstellen.
Es
blieb noch mehr Zeit, sogar so viel um ein neues Videoprojekt zu
beginnen, wieder mit der Auflage, dieses unbedingt vor der grossen
Schnippelei im Kasten zu haben. Es war ein absolut phantastisches
Erlebnis, ein Spielfilm mit Kindergärtlern. Ich hatte schon öfters
mit Kindern Filmprojekte gemacht, aber noch nie mit so Kleinen. Es
war ein Experiment und es funktionierte! Die zwei Kindergärtnerinnen
machten “Fernsehen” zum Jahresthema, mit einer geplanten
Premiere als Höhepunkt vor den Sommerferien. Die Kinder waren
ausnahmslos begeistert von dem Projekt, ich als Filmer am meisten.
In solchen Momenten dachte ich oft an den Pieper. Eine neue Lunge
hätte immer Vorrang gehabt, aber ich war nicht traurig, dass
das massgebliche Telefon schlussendlich im genau richtigen Moment
kam: am 8. Mai 02, am Abend, während der ersten Sichtung des
fertigen Kunstwerks.
Ich
war weniger nervös als anfangs erwartet. Wie gesagt, das Telefon
(nicht der Pieper) ging im richtigen Augenblick los. Viele wichtigen
Dinge waren erledigt, die Tasche mit den falschen Sachen mittlerweile
doch noch fertig gepackt, die psychische Situation einigermassen
geparkt. Eine halbe Stunde nach dem Anruf erschien die Ambulanz.
Nach einem aufsehenerregenden Start in der Looslistrasse ging‘s
von Bern nach Zürich, ich nutzte die Zeit, um per Handy alle
Freunde zu benachrichtigen, etwas gestört vom Gehorne des Wagens.
Ich
stellte mir, vor wie schnell jetzt alles gehen sollte. Nach ein paar
wenigen Untersuchungen und Fragen wurde mir mitgeteilt, dass ich
morgens um 5.00 Uhr operiert werden solle. Puuh, das war mir eine
zu lange nervöse Warterei, an Schlaf nicht zu denken. So bekam
ich ein Schlafmedi. Als ich aufwachte, lag ich auf der Intensivstation
und atmete mit meiner neuen Lunge; Schmerzen hatte ich keine, nur
war ich benebelt von den vielen Medikamenten. Das Liegen auf der
Intensivstation war beeindruckend. Das Team dort war sehr nett, sehr
einfühlsam, sie strahlten sehr viel Kompetenz und Erfahrung
aus, sodass auch unter diesen schwierigen Bedingungen die Kommunikation
zwischen ihnen und mir gut funktionierte. Meine Partnerin Heidi und
meine Eltern besuchten mich dort bereits, und obwohl ich das nur
am Rande mitbekam, war ich froh, dass ich nicht allein war. Viele
fragen mich heute, wie es war damals, der erste Moment mit neuem
Airbag. Heidi sagt, ich sei flach dagelegen und habe ganz ruhig geatmet,
etwas, was früher nicht mehr möglich war. Ich fühlte
mich in diesem Moment nicht anders als sonst, ich war halb weg von
den Schmerz- und Schlafmedis, die Lunge arbeitete zwar vom ersten
Moment, als ich wach war, sehr gut, eben wie eine gesunde Lunge,
aber der Druck von der Wunde liess mich das noch nicht so richtig
realisieren. Der erste Blick nach unten war spannend: Insgesamt 21
Schläuche aus bereits bestehenden und neu gebohrten Löchern
ragten aus meinem Körper. Die kommen nach und nach alle weg,
logisch, es war nicht so schlimm, Hauptsache die Zeit verging.
Die
Operation war ein grosser Erfolg, sie hatte nur 5 Stunden gedauert,
nach zwei Tagen war ich bereits auf der Station, bald konnte ich
auf den Velotrainer. Die ersten Tage waren gut erträglich, es
lief sehr viel, ich hatte oft Besuch von meinen Eltern und von Heidi,
die sich bei dieser Gelegenheit ein paar Tage Ferien in Zürich
gönnte. Mein Bettnachbar hatte ein dringendes Mitteilungsbedürfnis
zu seiner schwierigen Zeit während seiner Lebertransplantation.
Als ob ich diese Infos gebraucht hätte! In diesem Fall war ich
froh, dass mir Heidi bereits meinen CD Spieler gebracht hatte, damit
konnte ich meine nötige Ruhe mit der Musik schaffen.
Ich
habe Spitäler schon immer gehasst, auch wenn ich verglichen
mit anderen CF-lern gar nicht so viel Zeit dort verbracht habe. Es
sind nicht die Untersuche selbst, aber die viele Zeit, die irgendwie
herumgebracht werden muss, die Abende, und vor allem die Nächte.
Ich schlafe generell schlecht mit Nebengeräusch, aber mit den
Medis, den vielen Schläuchen, der noch ungewohnten Situation
war ich so nervös, dass ich auf Schlafmedis angewiesen war.
Auch an mein gedankliches Wirrwarr kann ich mich lebhaft erinnern.
Ich war oft geplagt von Aengsten, ob alles gut kommt, dann habe ich
mir wieder vorgestellt, was ich mit einer gesunden Lunge alles wieder
machen kann, was vorher nicht möglich war.
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Heidi und meine
Eltern besuchten mich oft. Ich spürte, sie waren sehr glücklich,
dass alles so gut gelaufen war. Ich bekam sehr viele Telefone und Besuche
von Freunden und Verwandten, manchmal war es mir fast zuviel, aber
ich war glücklich darüber, dass so viele Menschen an mich
dachten.
Ich musste im gesamten fünf Wochen im Spital bleiben. Etwas vom Schwierigsten
war die Nasennebenhöhlenoperation. Warum eigentlich? Die Operation ist nicht
kompliziert, im Vergleich zur Lunge sowieso nicht, nur etwas mühsam, da
die Nase noch ein paar Tage voller Zeugs bleibt. Aber die Tatsache, nochmals
auf die Pritsche liegen zu müssen, nach einem ersten erfolgreichen Aufrappeln
nochmal von neuem liegen bleiben, Schmerzen haben. Weitere kleine Komplikationen
gabs noch mit Wasserablagerungen. Die Wunde wurde nach drei Wochen aus diesem
Grund noch einmal aufgemacht. Alle beteuerten mir, wie ungefährlich dieser
Eingriff sei, aber ich war nervös und hässig. Geduld ist nicht meine
Stärke.
Nach dreieinhalb Wochen konnte
ich zu meinen Eltern nach Schmerikon in Urlaub. Ich freute mich, war
aber noch sehr wacklig auf den Beinen. Das Handy begleitete mich auf
meinen Seespaziergängen, damit ich allenfalls ein Taxi bestellen
konnte, gebraucht habe ich es nie. An die neue Situation muss man sich
gewöhnen. Um alles in den Griff zu kriegen, erstellte ich mir
wieder mal eine Checkliste: morgens Medi, Nase spülen, inhalieren,
um 10.00 Uhr Medis u.s.w. Um die wichtigen Fixzeiten für die Medikamenteneinnahme
nicht zu verpassen, hatte ich mir extra eine Uhr gekauft, eine schöne,
die leider so leise alarmt, dass schlussendlich mein alter Wecker mein
treuer Begleiter wurde.
Wie Ihr euch alle vorstellen
könnt, freute ich mich wahnsinnig , wieder ins Spital zurück
zu gehen. Mein neuer Bettnachbar war ein sehr lieber Mensch, aber auch
sehr unterhaltsam, Tag und Nacht. Zum Glück ging es mir jetzt
so gut, dass ich tagsüber fast nicht mehr im Zimmer sein musste.
Nach einer Woche konnte ich nicht mehr, ich war so nervös dass
ich es fast nicht mehr aushielt, die Schwestern haben das auch mitbekommen,
und ich bekam ein kleines Einzelzimmer, das zum Glück gerade frei
wurde.
Bei der ersten Biopsie hatte
ich eine kleine Abstossung. Ich musste drei Tage länger bleiben
und bekam eine Mordsladung Kortison. Dann endlich kam der Moment, da
ich heimdurfte, erst ein paar Tage zu meinen Eltern, dann nach Bern
in eine umgekrempelte Wohnung. Ich freute mich riesig.
Jetzt, nach einem halben Jahr, geht es mir gesundheitlich gut. Ich kann wirklich
schon Dinge tun, von denen ich aufgehört habe zu träumen. Ich habe
ein neues Velo gekauft, fahre wieder Rollerblades und kann sogar mit den Kindern
Fussball spielen. Nicht immer überlegen zu müssen, ob das mein Körper
schafft, ist ein schönes Gefühl. Ich habe auch etwa doppelt so viel
Appetit wie früher, das Essen macht mir Spass wie noch nie.
Trotz vielen glücklichen Momenten war die letzte Zeit oft schwierig. Ich
fühle mich sehr abhängig vom Unispital. Wirkliche Komplikationen
hatte ich keine, zum Glück, aber halt alle Monate Bronchskopie, d.h. vier
Tage Spitalaufenthalt. Und alle zwei Wochen zwei Tage für Photopherese,
d.h. Bestrahlen der weissen Blutkörperchen mit UV-Licht als Abstossungsprophylaxe.
Und wenn ich jetzt höre, wie mein Zimmernachbar bereits am Tag zu schnarchen
beginnt (richtig, ich schreibe diesen Artikel im Spital, da habe ich schliesslich
die Zeit dazu), habe ich die Nase mal wieder richtig voll.
Wenn ich schon am lästern
bin, komme ich gleich zur berühmten Sitzecke in der Pneumologie.
Gleichsinnte warten dort auf ihren Auftritt in der LuFu oder zur Besprechung
mit den Aerzten. Ich habe dort schon nette Bekanntschaften mit anderen
Transplantierten gemacht, doch normalerweise werde ich ungefragt überschüttet
mit allen möglichen Komplikationen, die mich noch erwarten könnten.
Was will ich hören, dass meine Arbeit mit den Kindern wegen Ansteckungsgefahr
schwierig werden könnte!? Wenn ich im Winter in einem vollen Intercityabteil
von Bern nach Zürich fahren muss, will mir das auch niemand ausreden,
obwohl das wesentlich weniger Spass macht, als mit den Kindern zu spielen.
Ich denke oft, sie sollen mich doch bitte alle in Ruhe lassen, und
denke auch gleich an die Eltern von kleinen CF-Kindern, die immer nur
Horrorstories über die Krankheit von allen Seiten über sich
ergehen lassen müssen.
Ich werde oft gefragt wie
es mir geht, ob ich die Transplantation wieder machen würde, wenn
ich wüsste, was auf mich zukommt. Viele strahlen mich an, wollen
hören wie gut es mir geht, und ich kann auch mit Begeisterung über
die neuen Möglichkeiten erzählen. Genügend Luft zu haben
ist unglaublich, im Laufe der Jahre unvorstellbar geworden. Trotzdem,
ich weiss eigentlich keine Antwort darauf. Ich würde es wieder
tun, bin mir aber auch bewusst, dass sich diese schwierige Zeit, die
ich in den letzten Jahren erlebt habe, durchaus in anderer Form wiederholen
kann. Dass es einem von Jahr zu Jahr schlechter geht, dass man mit
seinen Bedürfnissen zurückstecken muss, diese oder jene Schmerzen
in Kauf nehmen muss, wird bei alten Menschen als normal empfunden,
und ob das dann angenehmer sein wird als mit 40 stelle ich in Frage.
Es ist zur Normalität geworden, fast schon zur Selbstverständlichkeit,
dass der Mensch alt wird, dass man Krankheiten heilen kann, und wenn
nicht, wird es als grosse Ungerechtigkeit empfunden.
Ich habe mich für die
Transplantation entschieden, weil ich noch Ziele in meinem Leben habe,
und nur das gibt mir die Gewissheit, die richtige Entscheidung getroffen
zu haben. In der Hoffnung, dass in den folgenden zwei Nächte ein
bisschen weniger Holz gesägt wird, warte ich gespannt auf das
Ergebnis der heutigen Bronchoskopie. Wenn alles gut geht, sitze ich übermorgen
wieder im Zug nach Bern und kann Zürich ein bisschen länger
den Rücken zukehren, ein guter Grund den Anlass mit einem roten
Curry zu feiern.
Urs Kriech, Oktober 2002, Artikel erschienen im Spucknapf Nr. 25
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