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von Heidi Karlen
 Treppen mag ich nicht. Ich empfinde sie als Zumutung, als Überforderung.
Dabei weiss ich, dass ich im Prinzip jede Treppe bewältigen kann:
Auf die gleiche Weise, wie ich die Treppen zu unserer Wohnung schaffe.
Ich darf sie nicht als Ganzes ins Auge fassen, sondern muss Stufe für
Stufe nehmen. Wohin ich kommen will, und was ich nachher tun will oder
soll, spielt keine Rolle. Ich habe alle Zeit der Welt. Auf jedem Abschnitt
oder nach ein paar Stufen mache ich eine Pause, lausche auf Vogelgesang
und Kinderstimmen oder lese in einem Buch. Langsam lerne ich, Treppensteigen
als Übung zu akzeptieren und die Treppen nicht als meine Feinde zu
sehen, sondern als meine Lehrerinnen.
Ich habe eine angeborene Stoffwechselkrankheit (Cystische Fibrose). Sie
hat unter anderem zur Folge, dass meine Lunge durch ständige Infektionen
langsam zerstört wird. Seit letztem Herbst benötige ich in der
Nacht Sauerstoff und manchmal auch tagsüber. Ich brauche viel Ruhe,
bin schnell überfordert vom blossen Alltag. Seit zehn Jahren bin ich
Rentnerin; vorher habe ich studiert und gearbeitet, mich in freiwilligen
und ehrenamtlichen Tätigkeiten für Anliegen eingesetzt, die mir
wichtig sind. Jetzt erfreue ich mich an Büchern, an Musik, am Gesang
der Vögel, am Zusammenleben mit meinem Liebsten. Dieses Jahr werde
ich 42 Jahre alt.
Mein Lebenspartner hat die gleiche Krankheit wie ich. Vor gut drei Jahren
unterzog er sich einer Lungentransplantation. Gesundheitlich geht es ihm
gut, auch wenn er unter Nebenwirkungen der immunsupprimierenden Medikamente
leidet. Ich freue mich darüber, dass er wieder aktiv sein und sich
seiner Lebensaufgabe, der Arbeit mit Kindern, widmen kann. Und ich bin
dankbar, dass er praktisch unseren ganzen Haushalt erledigt und mir damit
kleine Unternehmungen ermöglicht, zu denen ich die Kraft kaum mehr
hätte, wenn ich meine Hälfte der Arbeit machen müsste.
Viele fragen mich: Warum transplantierst Du nicht auch? So einfach lässt
sich das nicht beantworten. Ich freue mich mit allen, denen die Transplantation
Möglichkeiten eröffnet, die ihnen vorher verschlossen waren,
oder Lebenszeit schenkt, die sie nicht mehr gehabt hätten. Aber ich
habe auch viele Einwände dagegen. Ich stelle beispielsweise fest,
dass in den letzten Jahren der Anspruch auf Organe eines anderen Menschen
zur Selbstverständlichkeit geworden ist; das finde ich unheimlich.
Unser gestörter Umgang mit Krankheit, Leiden und Tod und dessen Folgen
beschäftigen mich, aber auch das grosse Gefälle zwischen der
medizinischen Versorgung der ersten und der dritten Welt. Und so weiter:
Die Liste der Themen ist noch lang. Was immer ich aber noch nennen könnte,
dies alles sind nicht die wirklichen Gründe für meine Weigerung.
Ich würde mich dadurch vielleicht nicht einmal davon von einer Transplantation
abhalten lassen.
Der Grund liegt in einem Gefühl, das so tief aus mir herauskommt,
dass ich es selber nur erahnen kann. Hat es mit der Einheit des Körpers
zu tun? Dass ich nicht mit der Lunge eines anderen Menschen atmen möchte?
Wie auch immer, eine Konsequenz davon ist die Überzeugung, dass eine
Transplantation keine Aenderung bringen würde im Bezug auf das, was
mir wichtig ist: Dass dies mein Leben ist, mit diesem Körper, und
dass ich es als Aufgabe annehmen will, dieses Leben in dieser Welt so gut
ich kann zu leben. Vor Jahren sagte mir ein junges Mädchen, ihrer
Meinung nach sei ich krank, weil ich in einem früheren Leben einen
grossen Fehler begangen habe und diesen jetzt abarbeiten müsse. Meine
gefühlsmässige Reaktion war ein klares «Nein» Ich
empfinde mein Leben nicht als Strafe. Diese Krankheit ist weder schlecht
noch gut. Sie ist einfach. Dies ist einfach mein Leben.
Einige meiner Freundinnen und Freunde sagen mir, dass sie mich für
meinen Entscheid bewundern. Ich will nicht behaupten, dass ich Bewunderung
nicht geniesse - aber sie ist in diesem Fall nicht verdient. Ich versuche
lediglich, zu spüren, was mir möglich ist - Transplantieren ist
es nicht. Sicher ist auch eine rechte Portion Feigheit dabei. Und es ist
nicht etwa so, dass ich meiner Zukunft getrost und abgeklärt entgegensehe,
wie sich das wohl viele vorstellen. Ich leide nicht gern, und Angst ist
für mich ein tägliches Thema.
Ich gehöre zu denen, die aus der Pralinenschachtel erst alle Pralinen
herauslesen, die sie weniger gern haben, und die besten auf den Schluss
aufsparen. Mein Leben, so fürchte ich, verläuft umgekehrt. Die
guten Pralinen werden bald alle aufgegessen sein. Bald hat es nur noch
solche übrig, die mir überhaupt nicht schmecken werden. Wie werde
ich damit umgehen können? Was wird sein, wenn mir an meinem Leben
nichts mehr gefällt? Wenn ich es nicht mehr aushalte? Dazu nicht mehr
JA sagen kann? Aber auch vor dem Tod habe ich riesige Angst.
Vor allem nachts stürze ich in Abgründe. Wenn es draussen dunkel
ist und still und die meisten Leute in unserer Strasse schon längst
schlafen, drängen sich mir Fragen auf wie «Hast Du wirklich
das mit Deinem Leben gemacht, was Du hättest tun können oder
sollen?» oder auch die Angst vor der Zukunft und vor dem Tod. Oft
quält mich aber auch die Verzweiflung über das Böse, zu
dem wir Menschen fähig sind, darüber, wie es in dieser Welt zu-
und hergeht. Manchmal scheint mir dann alles nur finster und trostlos.
Vor einigen Jahren habe ich wohl auch deshalb angefangen, vor dem Einschlafen
das Vater Unser zu beten. Dies hat mir sehr geholfen. Die Ängste sind
zwar nicht geschwunden. Aber meistens beruhigt mich das Gebet erstaunlich
schnell, oft schaffe ich es nicht einmal bis zu «Dein ist das Reich...» Es
ist eine Wohltat, innerlich still zu werden, zu spüren, wie der Ansturm
an Fragen und Beschwörungen hinter die alten orte zurücktritt.
Merkwürdig, wie sich dieses Gebet im täglichen Gebrauch für
mich gewandelt hat und weiter verändert.
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Als gute Protestantin bemühte ich mich anfangs, jeden Satz auch mitzubedenken,
mir vor Augen zu führen, was er aussagt und, natürlich, zu überprüfen,
ob ich auch wirklich voll und ganz dahinterstehe. Nach und nach ging mir die
Struktur des Gebets auf: Nach der «Adresse» («Vater unser,
der Du bist im Himmel») kommen drei Dreierblöcke. Erst die drei Zusagen,
was geschehen soll («Geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme, Dein
Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden»), dann die drei Bitten («Unser
täglich Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben
unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse
uns von dem Bösen»), und dann zum Schluss die drei Zusagen: «Denn
Dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit in Ewigkeit.» Bestätigt
und bekräftigt durch das «Amen».
Lange dachte ich, das Beten des Vater Unser sei ein Bitten, versuchte, mich in
dieses Bitten einzureihen. Irgendwann hörte oder las ich (weiss leider nicht
mehr, von wem!), dass das Vater Unser Formulierungen enthalte, die eine Abgrenzung
gegen die damalige römische Fremdherrschaft bedeuteten. Vater Unser - das
war für Juden und Christen nicht der römische Kaiser, sondern
ihr Gott, nicht der in Rom, sondern der im Himmel. Die darauffolgenden
Wünsche oder Beschwörungen bekommen vor diesem Hintergrund
eine ganz andere Bedeutung: Nicht der Name des römischen Kaisers
(und auch kein anderer), sondern der Name Gottes werde geheiligt; nicht
das römische, sondern Gottes Reich komme, nicht Roms Wille, sondern
Gottes Wille geschehe. Und dann am Schluss wieder die Feststellung, WESSEN
Reich, Kraft und Herrlichkeit sind.
Dieser Gedanke hat für mich die Bedeutung des Vater
Unsers total verändert. Mehr und mehr wird für mich das Vater
Unser zum Aufschrei, zum Gegenentwurf zur real existierenden Welt, der
daran erinnert, was sein könnte/sollte, daran, wie die Welt gedacht
ist. Selbst die drei Bitten in der Mitte, die ich lange als eine Art seelsorgerliche
Minimalversorgung verstand, werden plötzlich zu Minimal Anforderungen,
zu Grundbedingungen, ohne die das Leben nicht möglich ist. Immer wieder
mache ich neue Entdeckungen. Schön zum Beispiel, wie Fridolin Stier übersetzt: «Unser
Brot für morgen gib uns heute». Keine Gewerkschaft könnte
das besser formulieren. Wie soll jemand schlafen, der heute nicht weiss,
ob er morgen Brot essen wird?
Meine persönlichen Ängste sind nicht kleiner geworden, und die Verzweiflung über
diese Welt und uns Menschen überfallen mich in vielen Nächten und auch
an manchen Tagen. Für mich ist das Vater Unser eine Stütze, ein Rettungsanker
im stürmischen Meer, eine Fahne, die ich hochhalten kann in schweren Zeiten,
im Glauben, dass diese Welt SO gedacht ist und nicht anders.
Irgendwann bin ich dazu übergegangen, das Vater Unser in meinem Inneren
in Musik zu verwandeln. Wie anfänglich in die Worte lasse ich mich nun in
Wort und Klang fallen. Darum hat es mich sehr berührt, als ich in Mendelssohns
Vertonung des Psalm 42 hörte: «... Der Herr hat des Tages verheissen
seine Güte, und des Nachts singe ich zu ihm...» Ich bin also nicht
allein.
Ob es Gott gibt, an den ich mein Gebet richte? Auch mit dieser Frage könnte
ich mich jederzeit in einen Abgrund stürzen. Seit einiger Zeit hege ich
den Verdacht, dass nicht Zweifeln das Gegenteil von Glauben ist, sondern Wissen.
Ob es Gott gibt, weiss ich nicht - ich weiss nur, dass ich Ihn brauche. Wie
eine Blinde halte ich mich am Vater Unser fest - es ist mir Stecken und Stab.
So also bete ich in der Nacht - und am Tag übe ich mich darin, mein Leben
Stufe für Stufe, Schritt für Schritt zu gehen.

Heidi Karlen ist am 15. Dezember 2007 gestorben. So wie auf dem Bild "Heidi
im Glück" wird sie uns in Erinnerung bleiben.
Die verschiedenen Texte zum Abschied von Heidi möchte ich nicht im Internet
veröffentlichen. Wer sich dafür interessiert, kann sich gerne bei mir melden
oder dden Spucknapf Nr. 35 bestellen.
kriechkarlen(at)bitterechtfreundli.ch
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