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Spucknapf
  Krankheit, Tod und wunderbare Bücher      
         
 

Kürzlich haben mich Kinder aus der Nachbarschaft gefragt, ob ich ihnen etwas zu lesen hätte. So etwas muss man mich natürlich nur einmal fragen! Ich habe dies dankbar als Vorwand benutzt, wieder einmal zum „Bücherbergwerk“ zu fahren, einem riesigen Antiquariat im Berner Monbijouquartier, in dem man auf drei Etagen in Bücherbergen wühlen kann und zu ausgesprochen günstigen Preisen - nur in Brockenstuben gibt es noch billigere Bücher! - Literatur zu jedem Thema findet. Ich habe auch für unsere kleinen Nachbarinnen und Nachbarn etliches ausgegraben, war aber dann irgendwie doch nicht ganz befriedigt. Darum ging ich ausserdem noch in unsere Bibliothek und lieh mir ein paar Kinderbücher aus, um die zukünftigen Leseratten wirklich umfassend beraten zu können. Natürlich war erst mal ich es, die mit roten Ohren nicht mehr aufhören konnte zu lesen; wer meint, Harry Potter sei der einzige interessante junge Mann, der hat sich geirrt (ich sage das als ausgesprochener Harry-Potter-Fan), und wer gerne spannende Fantasy-Geschichten mit Tiefgang hat, der braucht nach der Lektüre des neuesten Potter-Bandes nicht in Depressionen zu versinken - es gibt noch so viele spannende Bücher! Zum Beispiel dieses:

Zwei Brüder, der grosse, starke Jonathan und der kleine ängstliche Krümel, wohnen auf dem Reiterhof im Kirschtal im Land Nangijala. In Nangijala ist noch die Zeit der Lagerfeuer und der Sagen, und so geht es nicht lange, bis die beiden in haarsträubende Abenteuer verwickelt werden. Neben dem friedlichen Kirschtal gibt es nämlich in Nangijala noch das Heckenrosental, und dieses ist in der Hand Tengils, eines grausamen Tyrannen, der die Menschen mit der Hilfe des Ungeheuers Katla unterdrückt und als Sklaven verschleppt. Der ängstliche Krümel sieht es gar nicht gerne, dass sein Bruder Jonathan sich mit einigen Männern und Frauen im Kirschtal zusammen tut, um sich für die Befreiung des Heckenrosentals einzusetzen. Warum kann Jonathan nicht mit ihm auf dem Reiterhof das Leben geniessen? „Weil man sonst kein Mensch ist, sondern nur ein Häuflein Dreck“, erklärt ihm der grosse Bruder. Als einer der Befreiungskämpfer von Tengil gefangengenommen und in die Katlahöhle gesperrt wird, reitet Jonathan los, um ihn vor dem sicheren Tod zu retten. Krümel bleibt allein zurück; aber als er eines Nachts Jonathan im Traum schreien hört, will er auch kein Häuflein Dreck sein und reitet ihm nach. Auf dem Weg ins Heckenrosental wird er von einem Rudel Wölfe bedroht, aber dann rettet ihn einer, von dem er es am allerwenigsten erwartet hat. Wie er schliesslich nach einigen weiteren überstandenen Gefahren seinen Bruder Jonathan wieder findet, und wie die beiden dem finsteren Tengil und seinen Männern begegnen und sie schliesslich besiegen, davon erzählt dieses Buch. Freundschaft und Verrat kommen darin vor, und neben dem Ungeheuer Katla, das nichts anderes ist als ein riesiger Drache, gibt es auch noch den Lindwurm Karm, der dem gefährlichen Karmafall seinen Namen gegeben hat.

Das merkwürdigste aber an dieser Geschichte ist, dass sie nicht mit dem Land Nangijala anfängt und auch nicht damit endet, sondern mit dem Tod. Krümel ist nämlich am Anfang der Geschichte ein schwerkranker Junge, der hustet und deshalb nicht schlafen kann. Sein grosser Bruder tröstet ihn, spricht mit ihm über den Tod und erzählt ihm Geschichten vom Land Nangijala. Ich kann so etwas nicht lesen, ohne dass es mich persönlich betrifft. Auch als Kind hätte ich das gerne gelesen und mich mit dem kranken Jungen zutiefst verbunden gefühlt. Vielleicht ist ja mit der Krankheit nicht CF gemeint, es gab und gibt auch andere Gründe, weshalb ein Kind hustet - aber wer weiss? Am Schluss der Geschichte ist es dann übrigens an Krümel - der mittlerweile gar nicht mehr so ängstlich ist, wie er immer gemeint hat, und eigentlich Karl heisst -, seinen grossen Bruder in die Arme zu nehmen und mit ihm in den Abgrund zu springen, um ihn zu retten. Wer nun aber denkt, dieses Buch sei traurig und negativ, der irrt gewaltig. Geschrieben hat es eine der grossartigsten Schriftstellerinnen für Kinder- und Jugendbücher, Astrid Lindgren, und es heisst „Die Brüder Löwenherz“.

 

 

Zugegeben: Die Schilderung des kranken Krümel Löwenherz am Anfang des Buches ist nicht mehr ganz zeitgemäss. Mich stört das nicht, vielleicht weil in meiner eigenen Kindheit ein krankes Kind diesem Bild noch eher entsprochen hat, auch gerade, wenn es CF hatte. Wer aber lieber ein Buch lesen möchte, in dem das Thema Kind und Krankheit in einer moderneren Version vorkommt, hier ein anderer Vorschlag (diesmal für Erwachsene, vielleicht auch für ältere Jugendliche):

Oskar ist zehn Jahre alt und im Spital zu Hause, denn er hat Krebs, Leukämie. Er ist nun wirklich ein ganz und gar heutiger Junge, an den Weihnachtsmann glaubt er schon lange nicht mehr, seine Sprache ist frech und farbig. Er ist es nämlich, der in einem guten Dutzend Briefe an den lieben Gott seine Geschichte erzählt. Dass er schreibt, obwohl er Schreiben eigentlich hasst und an Gott ebensowenig glaubt wie an den Weihnachtsmann, liegt daran, dass ihm Oma Rosa dies empfohlen hat. Oma Rosa, so nennt Oskar die alte Frau, die sich als Freiwillige im rosa Kittel mit den Kindern auf der Station beschäftigt, und die als einzige seinen Fragen nicht ausweicht. Oskar hat gemerkt, dass die Behandlungen bei ihm nicht mehr wirken, und dass die Erwachsenen, vor allem seine Eltern und die Ärzte, damit nicht umgehen können. Die Schilderung dieses Umstands ist etwas vom Stärksten an dem Buch: wie das Kind spürt, dass die Ärzte an ihm keine Freude mehr haben, weil es sie entmutigt, und wie es sich deshalb schuldig fühlt. Oma Rosa kann ihn also dafür gewinnen, seinen Briefwechsel mit Gott aufzunehmen. Dabei soll er jeden Tag wie zehn Jahre seines Lebens betrachten. Und so durchläuft Oskar in wenigen Tagen ein ganzes langes Leben von der Pubertät bis ins hohe Alter, erlebt seine erste Liebe und ihre Krisen, Heirat und Reiferwerden bis hin zur grossen Müdigkeit vor dem Tod. Immer wieder gibt ihm Oma Rosa mit haarsträubenden Geschichten aus ihrer Zeit als Catcherin Anregungen, wie man mit Schwierigkeiten umgehen kann. Schlussendlich versöhnt er sich sogar mit seinen Eltern, denen er ihr Leiden an seiner Krankheit lange übel genommen und sie deshalb verachtet hat.

„Oskar und die Dame in Rosa“ von Eric-Emma-nuel Schmitt ist ein süffig geschriebenes, wunderbar lesbares und durchaus humorvolles Buch. Vielleicht liegt es daran, dass der Autor als Kind eine ähnliche Situation erlebt hat wie Oskar; jedenfalls spürt man, dass er weiss, wovon er spricht. Und er ist ein wirklich guter Erzähler! Dass er sich nicht auf seine Geschichte beschränkt, sondern die Leserin oder den Leser auch noch für seine etwas süssliche Theologie und Moralphilosophie gewinnen möchte, finde ich persönlich schade - es ist mir allerdings bewusst, dass es möglicherweise gerade dieser Anspruch ist, der seinen Büchern zu ihrem grossen Erfolg verholfen hat.

Grosse Literatur, so hat kürzlich jemand gesagt, zeichne sich dadurch aus, dass gewisse Geheimnisse bewahrt bleiben. Wer will schon wissen, ob Oma Rosas wunderbare Catcherinnengeschichten wahr sind oder nicht? Eric-Emmanuel Schmitt hält aber offenbar nicht allzuviel von Geheimnissen. Nun, ich will es ihm nicht übel nehmen. Mit „Oskar und die Dame in Rosa“ und dessen Vorgänger, „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“, hat er dem Schweizer Ammann Verlag einen Riesenerfolg beschert. Somit wird einer meiner Lieblingsverlage weiterhin wunderbare Bücher herausbringen können, und schon nur deshalb gehört diesem Autor meine uneingeschränkte Sympathie.

Die Bücher:
Astrid Lindgren, Die Brüder Löwenherz, Verlag: Oetinger (Fr. 23.--)
Eric-Emmanuel Schmitt, Oskar und die Dame in Rosa, Verlag: Ammann (Fr. 25.--)

 

erschienen im Spucknapf Nr. 27, Januar 04

 
         
         
 

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